Die stillste Zeit des Jahres

Sonntag, 1. Advent, 10.00 Uhr. In der Reihenhaussiedlung in St. Stefan läßt
die ehemalige Kaffeehausbetreiberin Milli K. durch ihre Enkelin Barbara auf der Fensterbank
ihres Wohnzimmers 3 einfache Elektrokerzen installieren.

Die Freude ist groß, vorweihnachtliche Stimmung breitet sich aus.

10 Uhr 14: Zum Zwecke der Entleerung seines Mülleimers betritt Nachbar Franz P.
den Vorgang und bemerkt umgehend die äußerst provokante Weihnachtsoffensive im Nebenhaus.
Nach der Entleerung seines Kübels kontert er umgehend mit der Aufstellung seines 10-armigen schwedischen Kerzenlusters zu je 15 Watt im Küchenfenster.

Nur wenige Stunden später erstrahlt die gesamte Siedlung im besinnlichen Glanz von 134 Fensterdekorationen.

19 Uhr 03: Bei der Störungsstelle der Steweag in Deutschlandsberg registriert der
diensthabende Ingenieur einen plötzlichen Anstieg des Stromverbrauches in der Region Stainz - St. Stefan.
Durch einen gleichzeitig auftretenden Defekt an seinem Strommeßgerät mißt er dieser Beobachtung allerdings wenig Bedeutung bei.

20 Uhr 17: Im nahen Georgsberg gelingt dem Ehepaar Herbert und Erna W. der Anschluß
einer Kettenschaltung von 96 gelben Hofer-Halogen-Bauleuchten ans Drehstromnetz.
Bei Minusgraden beginnen die angestrahlten Obstbäume auszutreiben, Teile der heimischen Vogelwelt beginnen einigermaßen verwirrt mit dem Nestbau.

20 Uhr 56: Der Buschenschankbesitzer Klaus K. in Zirknitz sieht sich genötigt,
für den wirtschaftlichen Fortbestand seines Betriebes einen wesentlichen Beitrag zur
vorweihnachtlichen Stimmung beizutragen und montiert auf dem Dach seines Wohnhauses des
Laserensemble "Christmasworld", welches zu den leistungsstärksten Anlagen in Europa zählt.
Die 30 m lange frisch renovierte Fassade eines angrenzenden Wirtschaftsgebäudes hält dem
Dauerfeuer der Weihnachts-Projektion mehrere Minuten stand, ehe sie überraschend mit einem
fürchterlichen Geräusch in sich zusammenfällt.

21 Uhr 24: Im fröhlichen Trubel der ersten von sechs Firmenvorweihnachtsfeiern im E-Werk
Graz-Süd überhören sämtliche Anwesende das Alarmsignal aus der Generatorhalle 5.
21 Uhr 33: Sämtliche Auslagen und Straßen der Gemeinden Stainz, Georgsberg
und St. Stefan sind mit weihnachtlichen Symbolen taghell erleuchtet. Die Landesstraße L 611
ist selbst vom Mond deutlich auszumachen.

21 Uhr 47: Die NASA Raumsonde Voyager 7 funkt vom Rande der Milchstraße
besorgniserregende Bilder einer angeblichen Supernova ins Raumfahrtzentrum
nach Houston. Die dortigen Experten sind ratlos, vermuten aber sofort einen
Anschlag der El Kaida.

22 Uhr 12: Wegen des dichten Nebels versucht in Verkennung der wahren
Situation eine Boeing 747 der Singapore Airlines eine Landung auf der von 3000
bunten Neonröhren und Nikoläusen hell erleuchteten Landesstraße zwischen Stainz
und St. Stefan. Der Maschine rollt in Richtung St. Stefan aus und kommt knapp
vor der Abzweigung nach Greisdorf zum Stehen.

Eine Gruppe asiatischer Geschäftsleute mit leichtem Gepäck und sommerlicher Kleidung
irrt verängstigt durch St. Stefan. Familie Klary von der Gourmetbäckerei staunt
nicht schlecht, als die knapp 400 Personen ihr Kleinkaffeehaus mit der Ankunftshalle verwechseln und vor der Kassa ihre Pässe vorweisen.

22 Uhr 54: Stillgelegte Kraftwerke wie z.B. in Voitsberg werden wegen des
überraschenden Strombedarfes wieder in Betrieb genommen.

23 Uhr 06: Die Studentin Elke U. erwacht außerplanmäßig in der hellerleuchteten
Siedlung und freut sich über den sonnigen Dezembermorgen. Um genau 23 Uhr 12 öffnet sie ihren Kühlschrank.

2 Sekunden später: In der gesamten Weststeiermark bricht der Stromkreis zusammen.
In der plötzlichen Dunkelheit vernimmt man sogar in Eibiswald die Explosion des Kraftwerkes Voitsberg.
Hilflose Menschen irren durch die stockfinsteren Ortschaften.
Als Ursache eruiert die Polizei die ehemaligen Kaffeehausbetreiberin Milli K., die die Installation der 3 Elektrokerzen durch ihre Enkelin veranlaßt hatte. - Milli K. wird auf freiem Fuße angezeigt.