Anw. Bettlerplatz

Frau
Dkfm. Ruth Feldgrill - Zankel
Bürgermeister - Stellvertreterin
Rathaus

8010 GRAZ

Betr.: Ansuchen um Zuweisung eines Bettlerplatzes in der Herrengasse

Sehr geehrte Frau Bürgermeister - Stellvertreterin !

Da ich über ausreichend Freizeit verfüge und die Bettelei besonders in der Grazer Herrengasse eine krisensichere Tätigkeit ist, ersuche ich um Zuweisung eines Bettlerplatzes (am besten vor einer Bank!) in der Grazer Herrengasse.

Schon jahrelang beobachte ich bei meinen häufigen Geschäftsbummeln und Einkäufen (besonders beim Sommer- und Winterschlußverkauf) in der Grazer Innenstadt die steigende Anzahl nichtsteirischer Bettler. Meine Freunde meinen auch, daß ich meine Freizeit sinnvoller verbringen und mehr Geld nach Hause bringen könnte. Deshalb bin ich auch auf die Bettlerbetätigung gekommen.

Ich spreche Englisch und Spanisch - was sicherlich unseren vielen Fremden gegenüber aufmerksam wäre - verfüge über ausgezeichnete Umgangsformen, bin unbescholten und von heiterem Gemüte.

Sollte mein Ansuchen positiv beschieden werden, hätte ich gerne in dem Bescheid einige offene Fragen beantwortet, da ich mich auf meine zukünftige Bettlertätigkeit gewissenhaft vorbereiten möchte:

  1. Gibt es eine magistrale Vorschrift, welche die Bekleidung vorschreibt? Ich möchte nämlich weder öffentliches ärgernis erregen, noch das gepflegte Altstadtbild der Herrengasse verschandeln. Würde es die Stadtgemeinde gerne sehen, wenn ich mich in verdreckter Oberbekleidung den Passanten zeige? Muß auch mein Gesicht beschmutzt sein? Sollen die Fingernägel schwarz sein, wenn ich meinen Bettlerdienst antrete? Wie oft muß ich mich nicht waschen?
  2. Sieht die Bettlerordnung vor, daß man gezwungen ist, mindestens einen Fuß zu entblößen? Mein linkes Bein bietet nämlich seit einer Achillesoperation einen jämmerlichen Anblick, da es dünner als das rechte ist!
  3. Legt die Stadtgemeinde Wert auf geregelte Arbeitszeit? Nachdem die Geschäfte ja erst um neun Uhr öffnen, würde es vielleicht nichts ausmachen, wenn ich erst nach der Mittagspause, die ich gerne im "Gösser" zubringe, meinen Dienst antrete? Ist das Wochenende frei oder muß ich da überstunden betteln? Bin ich im Falle erfolgloser Bettelei auch berechtigt, die Notstandshilfe zu beanspruchen? Sollte der Monatsabschluß ein positives Ergebnis bringen (worauf ich natürlich gewissenhaft und unter Einsatz aller meiner geistigen und körperlichen Kräfte hinarbeiten möchte), stellt sich mir die Frage, ob ich meinen Bettlerlohn versteuern muß, da ich ja eine erfolgsorientierte Bettlertätigkeit anstrebe?
  4. Im Sinne einer umweltschonenden Bettelei ersuche ich die Stadtgemeinde, mir ein Trocken - WC und einen Bio- bzw. Flaschencontainer zuzuweisen, da ich nicht wie die wildbettelnde ausländische Konkurrenz einfach im Falle menschlicher Not den gepflegten Gehsteig der Herrengasse anpinkeln möchte !
  5. In diesem Zusammenhang ersuche ich um ausdrückliche Erlaubnis, die gebe- bzw. spendenunwilligen Passanten angreifen zu dürfen, mich auf sie zu hängen oder wilde Schrei ausstoßen zu dürfen, falls sie meiner nachdrücklichen Spendenaufforderung nicht sofort nachkommen !
  6. Ich ersuche auch im Sinne meiner fremdenverkehrsfördernden Niveaubettelei, mir von Seiten des Magistrats zu gewährleisten, daß mir mein frei gewählter bzw zugewiesener Platz nicht von der Pfuscherkonkurrenz streitig gemacht werden kann. Schließlich bin ich österreichischer Staatsbürger und habe daher Recht auf Servitutsbettelei im gesamten Stadtgebiet !
  7. Sollte die Stadtgemeinde Zweifel an meiner fachlichen Eignung haben, so erkläre ich mich gerne bereit, auch vor einer Magistratskommission einmal oder öfter für sie probezubetteln. Ich bin aber überzeugt, daß ich gegenüber der alteingesessenen Bettlerkonkurrenz qualitativ nicht abfalle!

Ich ersuche um baldige positive Erledigung meines Ansuchens !

 

Hochachtungsvoll

Anmerkung:

Der gleichlautende Brief ging auch an den Bürgermeister Alfred Stingl und an den Bürgermeisterstellv. Dr. Peter Weinmeister. Ich erhielt von allen eine Antwort, letzterer schickte sogar einen vierseitigen Brief(!).

BGM Stingl meinte in seiner Antwort, die ohnmächtige Situation der kleinen Kinder bedürfe keines Kabaretts, sehr wohl aber das Verhalten der Passanten. Meine Absicht als Briefschreiber lag lediglich daran, die damals ausufernde Bettelei ( lautes Schreien, sich auf die Kleider hängen, in die Kirche nachgehen ) zu karikieren und keinesfalls, sich auf Kosten der ärmsten zu amüsieren. Mein ehemaliger Kabarettpartner Manfred Kainz, inzwischen ein anerkannter Wirtschafttreibender, kritisierte in seinem ähnlich gehaltenen Brief die Situation, wenn Bettler ihrer Tätigkeit vor seinem Betrieb nachgehen. Bürgermeister Stingl pflichtete ihm bei, daß diese Situation für Wirtschaftstreibende nicht gerade angenehm sei und versprach Besserung…

 

Die Reaktion von Frau Feldgrill - Zankel habe ich aus begreiflichen Gründen berücksichtigt: